24.01.2011 Ehrungen
Der Künstler Gunter Demnig, Initiator des Erinnerungsprojekts ?Stolperstein? ist von der Landeshauptstadt Stuttgart mit der Otto-Hirsch-Medaille ausgezeichnet worden. In einer Feier am Montag, 24. Januar, um 18 Uhr im Gro?en Sitzungssaal des Stuttgarter Rathauses hat die Bürgermeisterin für Kultur, Bildung und Sport, Dr. Susanne Eisenmann, die Medaille überreicht.
Gru?worte hielten Angelika Jung-Sattinger, Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, und Barbara Traub, Sprecherin des Vorstands der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs. Anschlie?end stellten die Journalistin Heidemarie Hechtel und Gunter Demnig in einem Gespräch die Entwicklung des Kunstprojekts ?Stolpersteine?, insbesondere die Aktivitäten und Erlebnisse in Stuttgart, vor. Im musikalischen Rahmenprogramm spielten Schüler des Evangelischen Mörike-Gymnasiums und das Gismo-Graf-Trio.
Das ProjektGunter Demnigs künstlerisches Erinnerungsprojekt ?Stolpersteine? ist in seiner Intensität, seiner Dauer und seiner sozialen Nachhaltigkeit einzigartig in Deutschland und Europa. Er hat seit dem Jahr 2000 in bislang 500 Orten Stolpersteine im öffentlichen Raum verlegt, um auf das Schicksal von Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen oder im Dritten Reich politisch Verfolgten aufmerksam zu machen und das Gedenken an sie zu ermöglichen.
Seine Aktion und seine begleitenden Vorträge haben zahlreiche lokale Gruppen zur Erforschung von Opferbiografien ins Leben gerufen. Durch sein Vorbild des rastlosen Verlegens der Steine und durch ein breites Medienecho ist es ihm gelungen, zahlreiche Menschen zusammenzuführen, die sich öffentlich mit dem Leben der Opfer und dem Unrecht des NS- Regimes befassen. In Stuttgart arbeiten inzwischen 17 verschiedene Gruppen in den Stadtteilen oder an besonderen Themen und haben die Verlegung von über 500 Stolpersteinen vorbereitet und begleitet.
An Otto Hirsch und seine Frau Martha erinnern seit 6. Oktober 2009 zwei Stolpersteine vor dem Haus Gähkopf 33 in Stuttgart-Nord. Gunter DemnigGunter Demnig wurde 1947 in Berlin geboren. Er hat in Berlin und Kassel Kunstpädagogik, Industrial Design und Freie Kunst studiert. 1977 bis 1979 übernahm er bei der Sanierung von Denkmalen Planung, Bauleitung und Ausführung. 1980 bis 1985 war er künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Kunst der Universität Kassel; anschlie?end eröffnete er in Köln ein eigenes Atelier. Nachdem er 1990 in einer Aktion an die Deportation von Sinti und Roma aus Köln im Jahr 1940 erinnert hatte, konzipierte er 1993 das Projekt Stolpersteine. 1997 verlegte er - damals noch ohne Genehmigung - den ersten Stolperstein in Berlin. Im Jahr 2000 weitete er die Aktionen auf ganz Deutschland aus.
Otto-Hirsch-MedailleMit der Otto-Hirsch-Medaille ehrt die Landeshauptstadt Stuttgart seit 1985 gemeinsam mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Stuttgart (GCJZ) und der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) jährlich Persönlichkeiten, die sich während ihres gesamten Lebens mit gro?em Engagement um die christlich-jüdische Verständigung verdient gemacht haben. Die Auszeichnung wurde zum 100. Geburtstag von Otto Hirsch gestiftet.
Träger der Otto-Hirsch-Medaille
1985 Otto Küster
1986 Edgar Winkler
1987 Fritz Majer-Leonhard
1988 Josef Warscher
1989 Otfried Sander
1990 Jenny Heymann
1991 Albrecht Goes
1992 Rudolf Pfisterer
1993 Elisabet Plünnecke
1994 Heinz M. Bleicher
1995 Manfred Rommel
1996 Rachel Dror
1997 Walter Ott
1998 Rolf Thieringer
1999 Meinhard M. Tenné
2000 Paul Sauer
2001 Noemi Berger
2002 Heinz Lauber
2003 Arno Fern
2004 Helmuth Rilling
2005 Michael Wieck
2006 Reinhold Mayer
2007 Karl-Hermann Blickle
2008 Helene Schneiderman
2009 Joachim Hahn
2010 Joseph Rothschild
Otto Hirsch kam am 9. Januar 1885 in Stuttgart zur Welt. Er besuchte hier das Eberhard-Ludwigs-Gymnasium und studierte Rechtswissenschaften in Heidelberg, Leipzig, Berlin und Tübingen. Nach seiner Promotion 1912 begann er seine Tätigkeit bei der Stadt Stuttgart. Als Ministerialrat im württembergischen Innenministerium war er 1921 Mitbegründer der Neckar-Aktiengesellschaft, wurde jedoch 1933 von den Nationalsozialisten aufgrund seines jüdischen Glaubens entlassen.
1926 gründete Hirsch zusammen mit seinem Freund Leopold Marx das Jüdische Lehrhaus Stuttgart und wurde 1930 Präsident des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs. Als Geschäftsführender Vorsitzender der Reichsvertretung der Deutschen Juden (1933-1941) setzte er sich unter schwierigsten Bedingungen für die verfolgten Juden ein. Mit seiner Hilfe konnten zehntausende Juden nach 1933 durch Auswanderung gerettet werden. Otto Hirsch wurde im Februar 1941 zum dritten Mal verhaftet und am 19. Juni 1941 im Konzentrationslager Mauthausen ermordet.